Mittwoch, 4. März 2015

[Rezension] „Die Illusion des Getrenntseins“ – Simon van Booy

Sanft wie Pfirsichhaut, facettenreich wie Farbspiele auf den Flügeln eines Schmetterlings, manchmal zupackend und sogar grob ist die Sprache von Simon van Booy in seinem Roman „Die Illusion des Getrenntseins“. Niemals jedoch ist sie beliebig. Dies ist ein Buch, das ich wahrlich kaum aus der Hand legen konnte. Es sind die Erzählungen vieler Menschen, die der Autor sprachgewaltig miteinander verknüpft.



Am Anfang und am Ende steht die Geschichte Martins. 2010 erinnert er sich, wie er einst als Sechsjähriger von Vater und Mutter erfuhr, dass sie, die er stets für seine leiblichen Eltern hielt, ihn in den Kriegswirren als ihr Kind angenommen hatten. Ein Umstand, der Martins Wahrnehmung für die Zukunft prägen wird.

„Schon seit langer Zeit ist ihm bewusst, dass jeder auf der Welt seine Mutter oder sein Vater, sein Bruder oder seine Schwester sein könnte“, schreibt van Booy in seinem Roman. Was Menschen für ihr Leben hielten, seien demnach „in Wirklichkeit nur dessen Umstände“. Wie Martin schickt der Autor auch seine Leser auf die Reise, um sich dieser gefühlten Wahrheit anzunähern.

Wer ist der Mann, der dem Pfleger Martin sterbend im Seniorenheim in die Arme fällt? Was haben diese beiden Schicksale miteinander zu tun? Der Leser wird es erst auf den allerletzten Seiten erschließen. Unterwegs reist er zusammen mit van Booy in die Kriegsjahre ab 1942. Die Liebesgeschichte von John und Harriet endet jäh, als der Flugzeugpilot von einem Einsatz nicht mehr zurückkehrt. Was mit ihm geschah, erfahren wir häppchenweise.

Immer wieder springt der Autor durch die Zeiten, landet mal in den 80er-, mal in den 68er-Jahren. Er berichtet zum Beispiel von der gleichermaßen seltsamen wie auch innigen Freundschaft des Mr. Hugo mit dem schüchternen Teenager Danny. Oder von der blinden Amelia, die mit feinsten Antennen jedes Detail um sich herum aufsaugt und mit allen Sinnen erfasst, die ihr geblieben sind. „Vögel zwitschern von niedrigen Ästen, binden ihre Wünsche zu Knoten“, beschreibt Amelia die Stille nach einem Regenguss. „Ich stelle mir ihre Herzen vor und fühle eines in meiner Hand wie einen warmen Samen.“

Jede dieser Geschichten steht für sich, und doch sind sie eng miteinander verknüpft wie ein stabiles Netz. Getrenntsein, so die Botschaft, ist letztlich eine Illusion, eine Weltsicht, die der Mensch sich mit der Wahl seiner Perspektive selbst erschafft.

Oder um es mit van Booy zu sagen: „Unsere Leben sind verschieden, glaubt Martin, aber am Ende fühlen wir alle das Gleiche und bereuen die Angst, von der wir dachten, dass sie uns stützt.“ Bitte mehr davon!

    

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